5 Numerische Berechnungen

5.1 Der AGM-Algorithmus
5.2 Vollständiges Elliptisches Integral
5.3 Unvollständiges Elliptisches Integral
5.4 Elliptischer Sinus

5.1 Der AGM-Algorithmus

Der Algorithmus des Arithmetisch-Geometrischen Mittelwertes (AGM) stellt eine effiziente Möglichkeit zur numerischen Berechnung des elliptischen Integrals erster Art dar [7, S. XIII], [19, IV, § 7], [9, II–7, § 6].54 Er ist eine konsequente Anwendung der GAUSS-Transformation von Abschnitt 4.7.2 auf die elliptische Differentialgleichung 70 wiefolgt:55

  1         d𝜃            d𝜑
----- ·√︁-----------= √︃------------.
1 + 𝑘   1 − 𝜆2sin2𝜃     1 − 𝑘2 sin2𝜑
(158)

Aus der LEGENDRE-Form der elliptischen Differentialgleichung 70 kann man natürlich auch eine entsprechende GAUSS’sche Form ableiten. Dazu sollen zuerst die Darstellungsformen von Formel 9, 6, 7 und 8 rekapituliert und auf die Ausdrücke der linken und rechten Seite von Gleichung 158 angewandt werden.

pict

Mit dieser Indizierung schreibt sich Differentialgleichung 70 in der GAUSS-Form

√︃------d𝑡1-------= √︃-------d𝑡0------- .
  (𝑡2+ 𝑎2)(𝑡2+ 𝑏2)    (𝑡2+ 𝑎2)(𝑡2 + 𝑏2)
   1   1   1   1       0   0  0    0
(159)

Bevor diese wichtige Relation nun bewiesen wird, sollen die Beziehungen zwischen den Modulen 𝑘 und 𝜆 auf der Basis von 𝑎𝜈 und 𝑏𝜈 dargestellt werden.

         ′
𝑘 = 1-−-𝜆-= 𝑎0-−-𝑏0
    1 + 𝜆′  𝑎0 + 𝑏0
(160)

Ersetzt man auch auf der linken Seite noch das Modul, so ergibt sich folgende Gleichung.

pict

Nach Erweiterung der rechten Seite wiefolgt

𝑎2 − 𝑏2           2
-1---1-= 4(𝑎0-− 𝑏0)-
  𝑎21     4(𝑎0 + 𝑏0)2

kann man (durch Vergleich von Zähler und Nenner) die Basisbeziehungen des AGM ableiten.

pict

Mit diesen Voraussetzungen ist ein Beweis von Differentialgleichung 159 einfach zu erbringen.

Beweis. Dazu geht man von der LEGENDRE’schen Form in Differentialgleichung 158 aus.

pict

Der “Multiplikator” 𝑎0/(1 +𝑘) in dieser Darstellung ist nun aber genau Eins, was Anwendung von Formel 161 schnell zeigt (wenn man außerdem das Modul 𝑘 durch 𝜆ersetzt).

pict

Was nun die Beziehung zwischen 𝑡0 und 𝑡1 angeht, so ist sie ja durch die trigonometrische Beziehung 119 der GAUSS-Transformation festgelegt.

pict

Zurück zum eigentlichen Algorithmus läßt sich nun die folgende Iteration durchführen,

       𝑎𝑖 + 𝑏𝑖          √︁----
𝑎𝑖+1 = ------,    𝑏𝑖+1 =  𝑎𝑖𝑏𝑖
         2
(164)

wobei die Anfangswerte 𝑎0 und 𝑏0 nicht-negative Zahlen (mit 𝑎0 > 𝑏0) sein sollen. Dabei nähern sich für 𝑖 → ∞ beide Werte 𝑎𝑖 und 𝑏𝑖 einem gemeinsamen Grenzwert,56 dem sogenannten AGM [18].

M( 𝑎0,𝑏0)=  lim 𝑎𝑖 = lim 𝑏𝑖
           𝑖→∞     𝑖→∞
(165)

Um diesen Grenzwert zu finden, bildet man zuerst das unbestimmte elliptische Integral

∫︁
  ∞ --------d𝑡𝑖-------
 −∞ √︃ --2---2--2---2-
      (𝑡𝑖 + 𝑎𝑖)(𝑡𝑖 + 𝑏𝑖)
(166)

und kombiniert es mit Relation 159.

∫︁ ∞                     ∫︁ ∞
    √︃------d𝑡𝑖------- =     √︃--------d𝑡𝑖+1---------.
 −∞   (𝑡2 + 𝑎2)(𝑡2+ 𝑏2)    −∞   (𝑡2  + 𝑎2 )(𝑡2  + 𝑏2 )
       𝑖    𝑖  𝑖   𝑖           𝑖+1   𝑖+1  𝑖+1    𝑖+1
(167)

Die Beziehung zwischen den Integrationsgrenzen ist durch Gleichung 163 gegeben, d. h. wenn das Integrationsintervall auf der linken Seite von −∞ nach +∞ läuft, dann geschieht dasselbe auch auf der rechten Seite der Integralgleichung.

Nimmt man das rechtsseitige Integral als Ausgangspunkt für den nächsten Iterationsschritt,57 so kann man unter Berücksichtigung von Formel 165 auch schreiben:

pict

Bedenkt man weiterhin, daß der Integrand in Gleichung 166 eine gerade Funktion ist, kann folgende Integraldarstellung für M(𝑎0,𝑏0) gegeben werden:

                      𝜋
M( 𝑎0,𝑏0)= ∫︁--∞------------------- .
                √︂-------d𝑡--------
            − ∞   (2    2)( 2    2)
                   𝑡 + 𝑎 0 𝑡 + 𝑏 0
(168)

5.2 Vollständiges Elliptisches Integral

Das Vollständige Elliptische Integral K kann ausgehend von Gleichung 168 ebenfalls mit Hilfe des AGM-Algorithmus’ berechnet werden. Dazu wird Gleichung 168 als vollständiges elliptisches Integral erster Art K(𝑘) ausgedrückt, indem man wieder Formel 28 hinzuzieht.

            𝜋- ----------1------------  𝜋- -----𝑎0-----
M( 𝑎0,𝑏0)=  2 ·∫︁ ∞         d𝑡         = 2 ·  (√︂ ----𝑏2)
                   √︂(-------)(------)      K    1 − 𝑎02
                0     𝑡2 + 𝑎2 𝑡2 + 𝑏2                0
                           0       0
(169)

Umstellen nach K bedeutet:

   √√ ------
  ⎛     𝑏20 ⎞  𝜋      𝑎0
K ⎜  1− -2-⎟= 2-·M(-𝑎-,𝑏-).
  ⎝     𝑎0 ⎠         0  0

Wählt man nun z. B. 𝑎0 = 1, was die Voraussetzung 𝑎0 > 𝑏0 erfüllt und setzt 𝑘 = √ ----2--2-
  1− 𝑏0/𝑎0 als Argument, so gilt für 𝑏0 = √------
 1 − 𝑘2 = 𝑘. Damit berechnet sich das Elliptische Integral erster Art zu:

        𝜋     1
K (𝑘)=  2-·M(1,-𝑘′),
(170)

was der zugehörige Algorithmus 1 wiederspiegelt.

Algorithmus 1 Numerische Berechnung von K(𝑘) mittels AGM
Require:   𝜀 > 0 {Abbruchkriterium}
Require:   𝑘 1 {Modul}
  𝑎0 1
  𝑏0 𝑘 {𝑘=   ------ √ 1− 𝑘2}
  𝑖 0
  
  repeat
   𝑎𝑖+1 𝑎𝑖 +-𝑏𝑖   2 {AGM}
   𝑏𝑖+1 √︁ ----   𝑎𝑖𝑏𝑖
   𝑖 𝑖 + 1
  until 𝑎𝑖 𝑏𝑖 < 𝜀
  
  K(𝑘)   𝜋 ------ 𝑎𝑖 + 𝑏𝑖

Für die Darstellung von K mit Hilfe des Modulwinkels 𝜙, d. h. für 𝑘 = sin 𝜙, ist 𝑏0 = cos 𝜙 zu wählen.

       ∫︁  𝜋2       d𝛼
K (𝜑)=      √︃---------------
        0     1− sin2𝜙 sin2 𝛼

Jetzt soll noch kurz auf die Produktdarstellung für K eingegangen werden. Dazu benutzen wir Formel 94 aus Abschnitt 4.7.1 im Sinne von Λ = K(𝑘𝑖+1), 𝐾 = K(𝑘 𝑖) und schreiben als reelle (Viertel-) Periodenbeziehung

                                1− 𝑘′
K (𝑘 𝑖)=  --2-′K (𝑘𝑖+1),     𝑘𝑖+1 = ----𝑖′-< 𝑘𝑖
        1+ 𝑘𝑖                   1+ 𝑘𝑖

mit dem Ausgangspunkt K(𝑘) = K(𝑘0). Bei einer unendlichen Anzahl von Iterationen wird 𝑘 Null und wegen Gleichung 26 gilt:

                   𝑁−1                      𝑁 −1              ∞
                      --2---       𝑁               ′− 1  𝜋-  --2---
K (𝑘)=  l𝑁i→m∞ K (𝑘𝑁 )    1+ 𝑘′ = l𝑁im→∞ 2  K (𝑘 𝑁)    (1 + 𝑘𝑖)  = 2    1 + 𝑘′.
                   𝑖=0     𝑖                 𝑖=0              𝑖=0     𝑖

Das heißt, die Zwischenwerte 𝑎𝑖 und 𝑏𝑖 eines normalen AGM könnten zur Berechnung des Produkts verwendet werden, wenn man die Beziehung 𝑘𝑖= 𝑏𝑖/𝑎𝑖 berücksichtigt.

5.3 Unvollständiges Elliptisches Integral

Der Berechnungsalgorithmus für F(𝜑; 𝑘) basiert auf der iterativen Verringerung des Moduls 𝑘 mit Hilfe der (aufsteigenden) LANDEN-Transformation von Abschnitt 4.7.1.58 Dazu werden ausgehend von 𝜑0 = 𝜑 und 𝑘0 = 𝑘 die Formeln 108, 111 und 96 benutzt [5], [8].

pict

𝑁-malige Anwendung der Gleichung 171 führt zu

                       𝑁
F(𝜑; 𝑘)= 2−𝑁 F(𝜑𝑁; 𝑘𝑁)   (1 + 𝑘𝑖).
                       𝑖=1
(173)

Setzt man solange fort bis die Näherung 𝑘𝑁 0 akzeptabel wird, dann kann der Spezialfall F(𝜑; 0) = 𝜑 nach Formel 12 herangezogen werden

F(𝜑 𝑁; 𝑘 𝑁) ≈ F(𝜑 𝑁; 0)= 𝜑𝑁 .

Einsetzen in Gleichung 173 ergibt letztlich:

                 𝑁
          −𝑁    
F(𝜑; 𝑘)= 2   𝜑𝑁    (1+ 𝑘𝑖).
                𝑖=1

Wegen der Periodizität des Tangens ist man vom Argument 𝜑 her zunächst auf das Intervall [−𝜋/2,+𝜋/2] beschränkt. Hier kann man sich jedoch mit Reduktionsformel 15 helfen, wobei dann allerdings die Berechnung von K(𝑘) mit Hilfe des AGM unumgänglich wird.

Praktisch wird allerdings fast immer der AGM-Algorithmus (vgl. Abschnitt 5.1) in Verbindung mit Gleichung 7 implementiert, um das unvollständige elliptische Integral F(𝜑; 𝑘) numerisch zu bestimmen. Dazu ist nur Gleichung 172 anzupassen,

pict

denn die Modultransformation wird ja direkt durch das AGM realisiert.

In diesem Zusammenhang kommt für die Berechnung von 𝜑𝑖 auch häufig Gleichung 109 in der Form

pict

zur Anwendung.

5.4 Elliptischer Sinus

Wendet man die GAUSS-Transformation entsprechend Gleichung 113 zur Berechnung von sn(𝑢; 𝑘) = sn(𝑢0; 𝑘0) in der Form

pict

an (vgl.  [5], [8]), so führt dies für 𝑘 < 1 letztlich zu einem Modul lim 𝑖→∞𝑘𝑖 = 0. Bricht man den Vorgang nach 𝑁 Iterationen ab, so gilt:59

                     𝑢                       𝑁
𝑢𝑁 = ------------------0----------------= 𝑢0   (1 + 𝑘𝑖)−1 .
     (1 + 𝑘1)(1 + 𝑘2) ···(1 + 𝑘𝑁−1)(1+ 𝑘𝑁 )   𝑖=1

Mit 𝑘𝑁 0 kann man für sn(𝑢𝑁 ; 𝑘𝑁 ) nun folgendermaßen nähern:60

sn(𝑢𝑁; 𝑘𝑁) ≈ sn(𝑢; 0)= sin 𝑢 .

Nach Ermittlung von 𝑢𝑁 kann man durch inverse Interpretation (𝑖 = 𝑁…0) der Abstiegsgleichung 174 rückwärts sn(𝑥0; 𝑘0) = sn(𝑥; 𝑘) berechnen.

sn(𝑢𝑖−1; 𝑘𝑖−1)= (1-+ 𝑘-𝑖)sn(𝑢𝑖; 𝑘𝑖)
               1+ 𝑘𝑖sn2(𝑢 𝑖; 𝑘 𝑖)

Das Modul 𝑘𝑖 kann hierfür äquivalent zu Formel 102 in jedem Schritt rückwärts berechnet werden.61

       √----
𝑘  = 2--𝑘𝑖+1-
 𝑖    1+ 𝑘𝑖+1

Nach [15] ist der absolute Gesamtfehler des Verfahrens kleiner als K(𝑘) 𝑘𝑁 2/2.

Algorithmus 2 Numerische Berechnung von 𝑥 = sn(𝑢; 𝑘)
Require:   𝜀 > 0 {Abbruchkriterium}
Require:   𝑘 1 {Modul}
  𝑥0 𝑥
  𝑘0 𝑘
  𝑎0 1
  𝑏0 𝑘
  𝑖 0
  
  while 𝑘𝑖 > 𝜀 do
   𝑘𝑖+1 𝑎𝑖 − 𝑏𝑖 𝑎-+-𝑏-  𝑖   𝑖
   if 𝑘𝑖+1 𝑘𝑖 then {Konvergenzproblem?}
   if 𝑘𝑖+1 > 1/2 then {Fall 𝑘 = 1}
   𝑥 tanh 𝑢
   else {Fall 𝑘 = 0}
   𝑥 sin 𝑢
   end if
   return
   end if
  
   𝑥𝑖+1 ---𝑥𝑖-- 1 + 𝑘𝑖+1 {Gleichung 175}
   𝑎𝑖+1 𝑎𝑖 +-𝑏𝑖   2 {AGM}
   𝑏𝑖+1 √︁ ----   𝑎𝑖𝑏𝑖
   𝑖 𝑖 + 1
  end while
  
  𝑥𝑖 sin 𝑥𝑖 {sn(𝑥𝑁 ; 𝑘𝑁 ) ≈ sn(𝑥𝑁 ; 0) = sin 𝑢𝑁 }
  
  repeat
   𝑥𝑖1 (1-+-𝑘𝑖)𝑥𝑖- 1 + 𝑘𝑖𝑥2𝑖 {Gleichung 174}
   𝑖 𝑖 1 {Rückwärts-Rechnung}
  until 𝑖 = 0
  
  𝑥 𝑥0