1 Algebraische Grundstrukturen

1.1 Gruppen
1.2 Ringe
1.3 Körper
1.4 Vektorraum
1.5 Algebra (Verband)
1.6 Zusammenfassung

1.1 Gruppen

1.1.1 Allgemeine Definition

Eine Gruppe1 (𝐺,⋄) ist ein algebraisches System, daß aus einer nicht-leeren Menge von Elementen 𝐺 besteht, für die eine Operation mit folgenden Eigenschaften definiert ist [25, S. 2.1], [20, 101 ff.]:

  1. die Anwendung der Operation auf zwei Elemente muß wieder zu einem Element in 𝐺 führen (Abgeschlossenheit): : 𝐺×𝐺 𝐺;
  2. für alle 𝑎,𝑏,𝑐 𝐺 muß gelten: 𝑎⋄(𝑏𝑐) = (𝑎𝑏) ⋄𝑐 (Assoziativität);
  3. ein neutrales Element 𝑒 𝐺 muß existieren, so daß gilt: 𝑎𝑒 = 𝑎 mit 𝑎 𝐺 (Identität);
  4. für jedes Element 𝑎 𝐺 muß ein inverses Element 𝑏 𝐺 existieren, so daß 𝑎𝑏 = 𝑒 gilt.

Die Menge 𝐺 kann aus einer endlichen oder unendlichen Anzahl von Elementen 𝑎𝑖 bestehen. Bei einer Aufzählung der Elemente werden diese in geschweifte Klammern eingeschlossen, z. B. so: {𝑎1,𝑎2,…}. Ist die Zusatzbedingung 𝑎 𝑏 = 𝑏 𝑎 erfüllt, wird die Gruppe kommutativ bzw. ABEL’sch genannt.

Die Ordnung (auch Mächtigkeit oder Kardinalität) einer Gruppe ist die Anzahl der Elemente in 𝐺, geschrieben als ord(𝐺), |𝐺 | oder auch #𝐺. Ist 𝑈 eine Teilmenge von 𝐺, d. h. 𝑈 𝐺, dann wird (𝑈,⋄) als Untergruppe von (𝐺,⋄) bezeichnet, wenn mit derselben Operation auch 𝑈 alle Eigenschaften einer Gruppe erfüllt [4, S. 1.], [25, S. 2.4]. Der Zusammenhang zwischen der Ordnung von 𝑈 und der von 𝐺 wird durch den Satz von LAGRANGE beschrieben.

|𝐺| = 𝑖|𝑈 |
(1)

Die Ordnung |𝑈| ist danach ein Teiler von |𝐺| und 𝑖 der so genannte Index von 𝐺 über 𝑈 (bzw. Index von 𝑈 in 𝐺), welcher auch als 𝑖 = |𝐺 : 𝑈| geschrieben wird.2

1.1.2 Additive Gruppen

Entsprechend der allgemeinen Definition wird eine Menge 𝐺 additive Gruppe (𝐺,+) genannt, wenn für sie

  1. eine assoziative Operation 𝑎+(𝑏+𝑐) = (𝑎+𝑏) +𝑐 mit 𝑎,𝑏,𝑐 𝐺 definiert ist;
  2. ein neutrales (Null-) Element 𝑒(+) = 0 𝐺 mit der Beziehung 𝑎 +0 = 0 +𝑎 = 𝑎 für alle 𝑎 𝐺 existiert;
  3. und für sie außerdem ein inverses Element 𝑎 𝐺 zu 𝑎 𝐺 mit der Relation 𝑎+(−𝑎) = 0 definiert ist.

Das bekannteste Beispiel einer solchen Gruppe ist die der ganzen Zahlen (Z,+).

1.1.3 Multiplikative Gruppen

Für die multiplikative Gruppe (𝐺,·) gilt äquivalent:

sind definiert. Zur Multiplikation ist zu bemerken, daß nicht-negative Potenzen eines Elements induktiv definiert sind

 0               𝑛+1      𝑛
𝑎 = 𝑒(·)=  1,    𝑎   = 𝑎 ·𝑎 ,

also durch 𝑛-malige Multiplikation.

𝑎𝑛 = 𝑎︸ˉˉ·ˉˉˉ𝑎︷·︷·ˉˉ·ˉˉˉ𝑎︸
       𝑛- mal

Das Nullelement 𝑒(+) einer additiven Gruppe kann in einer multiplikativen Gruppe nicht enthalten sein, denn es ist grundsätzlich nicht invertierbar (siehe auch Abschnitt 1.3 zu den Körpern).

1.2 Ringe

Eine Menge 𝑅 nennt man einen Ring (𝑅,+,·), wenn auf ihr sowohl Addition als auch Multiplikation mit 𝑅 ×𝑅 𝑅 erklärt sind [25, S. 2.2]. Speziell müssen folgende Axiome gelten:

  1. Bezüglich der Addition bildet 𝑅 eine ABEL’sche Gruppe (𝑅,+).
  2. (𝑅,·) ist eine so genannte Halbgruppe,3 d. h.

  3. Außerdem muß für 𝑎,𝑏,𝑐 𝑅 das Distributivgesetz gelten 𝑎· (𝑏+𝑐) = 𝑎𝑏+𝑎𝑐.

Existiert zusätzlich noch die Identität 𝑒(·) = 1 𝑅 mit 𝑎·1 = 1 ·𝑎 = 𝑎 für alle 𝑎 𝑅, dann wird (𝑅,+,·) Monoid oder Ring mit Eins genannt. Die Menge der Elemente 𝑟 𝑅 in einem Monoid, welche mit 𝑟 · 𝑟1 = 𝑒(·) jeweils ein inverses Element besitzen, nennt man Einheitengruppe 𝑅 des Ringes. Ein Ring wird außerdem als kommutativ bezeichnet, wenn auch für die Multiplikation das Kommutativgesetz 𝑎·𝑏 = 𝑏·𝑎 gilt. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Ring (Z,+,·) der ganzen Zahlen, denn er erfüllt offensichtlich alle Axiome.

1.3 Körper

Ein Körper 𝐾 wird durch ein System von Elementen (endlich oder unendlich) gebildet, die sich durch die definierten Operationen Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division verknüpfen lassen4 und für die das Distributivgesetz gilt [25, S. 2.3]. Präziser ausgedrückt:

  1. (𝐾,+,·) ist ein kommutativer Ring (zu den Eigenschaften vgl. Abschnitt 1.2);
  2. (𝐾 \ {0},·) ist eine kommutative Gruppe, d. h. alle Elemente ausgenommen 0 (auch geschrieben als 𝐾 = 𝐾\{0}) müssen ein inverses Element besitzen.5

Die bekanntesten Körper sind die der

Eine Menge von Funktionen über einem Körper 𝐾 kann selbst auch wieder ein Körper sein, z. B. die Menge der rationalen Funktionen R(𝑥) über R, geschrieben als (R(𝑥),+,·).

1.4 Vektorraum

Eine Menge von Vektoren 𝑉 := {v1,v2,v3,…}, jeder bestehend aus einem geordneten 𝑛-Tupel von Elementen 𝑎 aus einem Körper 𝐾, wird Vektorraum über dem Körper 𝐾 genannt (vgl.  [25, S. 2.5]), wenn:

  1. die additive Gruppe (𝑉,+) existiert und vom ABEL’schen Typ ist (+ : 𝑉×𝑉 𝑉);6
  2. für jeden Vektor v 𝑉 die Multiplikation mit einem Körperelement (Skalar) 𝑎 definiert ist und wieder zu einem Vektor u = 𝑎v 𝑉 führt (Abgeschlossenheit der Abbildung · : 𝐾 × 𝑉 𝑉);7
  3. bezüglich zweier Skalare 𝑎,𝑏 und der Vektoren u,v die folgenden Distributivgesetze gelten:

    pict
  4. das Assoziativgesetz (𝑎𝑏)v = 𝑎(𝑏v) gilt;
  5. und es ein multiplikativ neutrales Element in Bezug auf die Vektoren in 𝑉 gibt.

Wenn mit 𝑛 die Anzahl der Tupel eines Vektors v bezeichnet wird, dann nennt man den zugehörigen Vektorraum (über dem Körper 𝐾) üblicherweise 𝑉𝑛(𝐾) oder kurz 𝑉 = 𝐾𝑛, also z. B. R3 oder Z2𝑛. Entsprechend ist auch das neutrale Element, welches als 0 = (0,0,…,0) geschrieben wird, ein Vektor mit 𝑛 Elementen.

Kann man jeden Vektor von 𝑉 als Linearkombination von unabhängigen Vektoren u1,u2,…,un 𝑈 𝑉 darstellen, also als

     𝑛
v = ∑︁  𝛼 u,
        𝑖 i
    𝑖=1

so nennt man u1,u2,…,un die Basis, 𝛼1,𝛼2,…,𝛼𝑛 die Koeffizienten und 𝑛 = dim(𝑉) = |𝑉| die Dimension von 𝑉.

1.5 Algebra (Verband)

Eine Algebra über einem Körper 𝐾 ist eine Erweiterung des Begriffs Vektorraum in Bezug auf die Vektormultiplikation.8 Speziell sind es folgende Axiome, die eine Algebra auszeichnen:

  1. die Menge 𝑉 ist ein Vektorraum über einem Körper 𝐾 (vgl. Abschnitt 1.4);
  2. für zwei Vektoren u,v 𝑉 ist ein Produkt uv definiert und in Bezug auf 𝑉 abgeschlossen (· : 𝑉 ×𝑉 𝑉);
  3. das Assoziativgesetz für Vektoren (uv)w = u(vw) ist erfüllt;
  4. auch das Distributivgesetz läßt sich auf Vektoren anwenden: (u +v)w = uw +vw.

1.6 Zusammenfassung

Tabelle 1 gibt einen Überblick zu den verschiedenen algebraischen Grundstrukturen und ihren Existenzbedingungen.

Tabelle 1: Eigenschaften algebraischer Strukturen
Addition
Multiplikation
assoziativ kommutativ neutral  invers assoziativ kommutativ neutral  invers distributiv
Additive Gruppe × × ×
(Multiplikative) Halbgruppe ×
Monoid × ×
Multiplikative Gruppe × × ×
Multiplikative ABEL’sche Gruppe × × × ×
Ring × × × × × × ×
Schiefkörper × × × × × × × ×
Körper × × × × × × × × ×